[ZURÜCK]

Lexikon für Volkswirtschaft - Gewerbe und Industrie aus dem Jahre 1888

Zunftgebräuche. Als Vorrechte bestimmter Gewerke
und Gilden haben sich bis in die Neuzeit hinein ge=
wisse eigentümliche Zeremonien, öffentliche Aufzüge,
Spiele und Tänze erhalten, die der gewöhnlichen
Sage nach der betreffenden Zunft inm einer Stadt
für ewige Zeiten gestattet worden seien, weil ihre
Angehörigen bei einer Pest, Belagerung und sonstigen
Notzeit hervorragende Dienste geleistet hätten. Sieht
man indessen genauer zu, so erkennt man, daß es sich
dabei um uralte Volksbräuche, wie z. B. um die
Schwertertänze der germanischen Frühlingsfeier oder
jenen großen Umzug des Isisschiffs auf Rädern, den
alle Küstenstädte ehemals bei Eröffnung der Schiff=
fahrt feierten, um die Maiumzüge etc. handelt, die
eben in den meisten Städten aus dem öffentlichen
Leben verschwunden waren und nur noch hier und
da in diesen herkömmlichen, meist in die Karnevals=
zeit verlegten Aufzügen der Gewerke ihren Ausdruck
fanden. Sie erhielten sich, weil mit ihnen öffentliche
Lustbarkeiten verbunden waren, weil Gemeinde und
Privatleute, vor deren Häusern die Tänze wiederholt
wurden, Beisteuern zum Schmaus gaben, und sind
zum Teil erst in der neuesten Zeit abgeschafft wor=
den. Hierher gehörten die ehemals in vielen Städten
üblichen Schwerttänze der Messerschmiede und
Schwertfeger, das 1539 vom Rat aufgehobene Schön=
bartlaufen (s.d.) in Nürnberg, der Umzug der
Metzger von Paris und Salzburg mit dem Fast=
nachtsochsen, das Fahnenschwingen der Egerer
Metzger und Tuchmacher und der Schäfflertanz
(s.d.) und Metzgersprung (s.d.) der Münchener
Mwhr den Charakter eines allgemeinen Volksfestes
hat das Sechseläuten in Zürich angenommen, wel=
ches am Montag nach der Frühlingsnachtgleiche statt=
findet und nach dem Umstand kekannt ist, daß an
diesem Tag zum erstenmal die Abendglocke geläutet 
wird. An ihm nehmen alle Gilden in ihren volks=
tümlichen Trachten mit ihren Emblemen und allerlei
Schaustücken teil. In ähnlicher Weise erinnert der
in vielen niederländischen Städten und mit beson=
derer Pracht in Antwerpen am Sonntag nach Mariä
Himmelfahrt gefeierte Ommeganc (Umgang) stark an
die alten Schiffsumzüge und anderseits an die Fast=
nachstgebräuche. In dem niederländischen Omme=
ganc bilden Riese und Riesin, welche jede größere Stadt
in besonderer Ausstattung bewahrt, das Hauptschau=
stück, dazu kommen überall volkstümliche Figuren, wie
Roland, die vier Haimonskinder, der große Drache etc.
Auch fehlt das Schiff selbst nur selten in dem Auf=
zug. Ebenso kehren gewisse Scherze, wie spritzende 
Delphine u. vgl., meist überall wieder. In den an=
dern Ländern sind diese Umzüge meist auf die Karne=
valszeit beschränkt oder ganz aufgehoben worden.

05.06.2008 erfasst