25.05.2010

Stippvisite in Eckernförde

 

Meine fast subversive Kontaktpflege zu den Gilden im Lande, hat mir einen kleinen Termin, bei den örtlich als "Gelbe Westen (Gilde)" bezeichnete Bürgergilde beschert.

Mein erster Kontakt lief über den Webmaster, Marc Grimm, der nach ersten Gehversuchen, was richtig Tolles hinbekommen hat, und einen Link meiner Homepage, auf seiner für die Gilde gepflegte Seite eingestellt hat. Wir haben uns ausgetauscht, wenn was unklar war, nur leider ist er Zeitsoldat im Auslandseinsatz, mal da und mal nicht da; man kann nur hoffen, dass unsere Soldaten bald aus Afghanistan abgezogen werden und sie lieber für unseren Küstenschutz einsetzt werden, als in diesem Vielvölkerstaat nutzlos verbluten.

Gelbe Westen daher, weil diese Gilde im Mittelalter bei der letzten großen Pest Epedemie des 30jährigen Krieges ihren großen für sie selbst lebensbedrohlichen Einsatz hatten, die Pflege der Pestkranken besorgten, sowie diese christlich bestatteten.

Ich schätze, das Gelb seit jeher als internationales Quarantäne-Signal gegolten haben muss, vielleicht waren die ersten Westen sogar aus Flaggenseide, da auch die Pest mit den infizierten Schiffsratten in den Norden kam und Eckernförde Umschlagsort für vielerlei Seehandelswaren war, obwohl es zu Zeiten der Hanse geringste Bedeutung erlangte, dürfte der Hafen für die größten Widersacher der Hanse interessant gewesen sein, nämlich für die Dänen.

Nun meine ersten Bilder aus der Eckernförder Stadthalle:

Bei meiner Ankunft sitzt man im zur Eckernförder Bucht ausgerichteten Saal der Stadthalle und ruht sich etwas von den etwas länger währenden Ummärschen der vergangenen Stunden aus, wobei das gleichzeitig stadtfindende Kinderfest, welches man auch hier als Kindergilde bezeichnet (wofür eine eigene Fahne existiert) das um 14.00 Uhr beginnende Schießen aufgrund der vorhandenen und personell sehr gut aufgestellten Gilde ganz simpel organisatorisch abgewickelt. Dass ich keine spielenden Gilde-Kinder ablichte, trägt dem Schutzgedanken Rechnung, dem ich mich journalistisch verpflichtet sehe.

Die Gilde ist eine reine Männergilde, die zufällig anwesende holde Weiblichkeit, sind Gildeschwestern in Königinnenwürde, wie es Brauch ist bei geladenen Gilden das Königspaar mit in die Gastdelegation einzubinden.

Ich durfte noch vor der amtlichen Abnahme den Schießstand betreten.

Mit der Überprüfung der Kugeln der lotterieähnlichen Ziehungsanlage werden die sach- und fachgerechten Angaben der im Munitionsbuch verzeichneten Schussmenge mit dem faktischen Bestand nach Augenscheinahme und Zählung für einsatzbereit empfunden.

Alle Waffen sind einschüssige Hinterlader und werden mit wiederladbarer Hülsenmunition versehen, derlei Hülsen sind etwas robuster als Einwegmunition.

Wobei die Wiederbefüllung eine ziemlich schmutzige Angelegenheit werden kann, wenn etwas danebenschüttet. Die Schießaufsicht mit einer der schönsten Waffen aus dem Sortiment.

Absolut unverkäuflich!

Zwei Gewehrauflagen mit seitlich angebrachten Blechen, um das Schußfeld, wie mit einer arretierten Kardarnlafette zur Vogelstange hin einzugrenzen.

Ein etwaig unbedarfter Auswurf der Patronen  heißt eine Patronenhülse zu verlieren, die unter Umständen nicht wieder benutzt werden kann, weil jemand draufgelatscht ist.

Sie ist dann unbrauchbar, weil durch die Verformung ihre Maßhaltigkeit in der Munitionsaufnahme nicht mehr stimmt und im sehr viel ernsteren Fall der Verschluss der Waffe eklatant  beschädigt werden würde sowie bei etwaigem Verklemmen in der Waffe Lebensgefahr für den jenigen bestünde, der diese klemmende Patrone zu beseitigen hätte.

Das Ziel, bzw. die kleinen Ziele, die durch die Gliedmaßen des Vogels gebildet werden, wo es auch eine Reihenfolge gibt. Die Eckernförder Bürgerschützengilde von 1570 e.V. ist eine der alten Gilden, der es noch erlaubt ist, auf einen frei stehenden Vogel ohne Kugelfang zu schießen. Sollte mal etwas daneben gehen, wird es in Eckernförder Bucht landen. Der Seeweg wurde sowohl von der Marine als auch vom Technischen Hilfswerk für Freizeitschipper blockiert. Im Ganzen spielte das Wetter nicht so gut mit, es war nicht nur windig, sondern auch unangenehm böig, hin und wieder tröpfelte es. Richtig warm war es mit 11° Celsius für einen 25. Mai nicht. Doch das Vorhandensein eines Schieß- und Wartezeltes erleichtert das Ausrichten eines solchen Vorgangs erheblich. Auch hier wird über die verdeckte Liste geschossen. Eine Besonderheit, der Vogel trägt keine Zitrone, sondern einen Ring im Schnabel. Welche besondere historische Bewandtnis dies hat, habe ich noch nicht eruiert, aber ich bin an der Sache dran.

Und nun ist mir die Bedeutung der Bezeichnung "Flatter" auch eingängig geworden, die vermeintlich angebrachten Fahnen, die man an den meisten Abschussvögeln wahrnimmt, diente nicht unmittelbar als weiteres Ziel, sondern als Anzeiger des Windes in der Höhe, die aus einzelnen Bändern bestehen, auf die der Schütze beim Visieren des Zieles zu achten hatte, bei entsprechender Windrichtung musste gegenvisiert werden, als wollte man ein bewegliches Ziel treffen. Dies Bänder zeigen auch, sich am Vogel bildende Luftverwirbelungen an. Wer schon mal gesegelt ist und sich der Windbändsel am back(links)- und steuer(rechts)-bordschen Want(an den Schiffsseiten befestigte Mastabspannung) erinnert, dem wird sofort klar, welch höchst schützentechnische Errungenschaft diese Flattern darstellen. Sie sind ausgezeichnete Indikatoren zur Zielerfassung und Abschätzung der ballistischen Schussbahn. Sehr klever, was sich unsere Altvorderen da erdacht haben, da steckt echtes "know how" drin.

Zu Gast ist an diesem Tag ist die Große Bürgergilde zu Heiligenhafen von 1253 e. V , die Brunswiker Schützengilde  von 1638 e.V, Schützengilde Bohnert von 1960 e. V., Eckernförder Beliebung (gegr. 1629), Borbyer Gilde (gegr. 1746) und die Herzöglich priviligierte Schützengesellschaft zu Gotha. Letztere hat im vorigen Gildejahr mit dem Schützen Peter Möllers den Vogel im finalen Fangschussverfahren mit nur einem Treffer samt Stange abrasiert. Dem Schützen wurde heiß und kalt, denn Königsschütze wollte er nicht sein, weil das eine teure Angelegenheit wird. Die Schießaufsicht hat diesen Treffer als ungültig aberkannt, weil der Schuß Wirkweiser an der Ursache Materialermüdung war und das Gildeschießen hätte abrupt abbrechen lassen, was nicht der Sinn der Angelegenheit gewesen wäre.

Hier dürfen die Gäste auf den Vogel mit anschießen, was es sonst auch nicht gang und gäbe ist. Beding dadurch, dass mit einer verdeckten Schießliste gearbeitet wird, ist es nicht von großer Dramatik begleitet, würden Passanten, die vorher eingewiesen wurden auf den Vogel schießen, was ganz früher auch sicherlich so praktiziert wurde, um die Mitbürger für die Gilde zu shanghaien.

Klick auf den Vogel - Ausschnittsvergrößerung!

Reihenfolge der abzuschießenden Vogelteile

Hauptgefreiter Dill und seine Marinekameraden im Camouflageanzug

Versuch macht Kluch! (Heißt natürlich klug!) Wenn man mit einer kleinen Knipskiste rumdoktert, sucht man auch irgendwann die Motivklingel an so einem Spielzeug. Durch meine Erfahrung im Umgang mit solchen Kamara-Testern, stellt man sie einfach ruhig, wenn man sie zur Prominenz einreiht. Das gibt Ruhe im Motiv und einer der sich freut!

Noch ein paar Bilder unkommentiert:

Irgendwann kam Marc um die Ecke geschossen und ich fragte ihn nach einen Gildeanstecker für meine Sammlung, er ist einfach ein lieber Kerl, hab ich doch das Teil von der Vierhundertjahrfeier abgestaubt. Man habe ich mich gefreut, und tue es noch. Das ist das ist das Bildchen, was ganz zum Anfang dieser Seite prangt. Den eigentliche Gildeanstecker hatte er nicht vorrätig. Das war jetzt auch mein letzter hörte ich nur sagen und schon verschwand er wieder.

Um die Wartezeit beim Schießen zu verkürzen, gibt's das Aalwürfeln! Ein Brett mit sechs Feldern equivalent zu den jeweiligen Augen des sechsseitigen Würfels, auf die zwei Euro pro Feld gesetzt werden sollen. Nur einer der Setzer kann gewinnen, die anderen verlieren ihre zwei Euro. 6 * 2 = 12 --> 12 - 2 = 10 Euro für den Spielmacher, der nach Abzug des Einkaufspreises eine schönen Aalgewinn für die Gilde einheimst.

 

 

Da ich mich nachwievor um unseren kranken und altersschwachen Joschi (Schäferhund) kümmere, der zu bestimmten Zeiten sein Futter und Medikation benötigt, konnte ich auch nicht all zu lange bleiben und musste um 15.00 Uhr wieder zu Hause sein.

Nicht desto trotz, habe ich viele weitere nette Gildebrüder kennengelernt, die mir den einen oder anderen Wink gaben, den ich noch verfolgen werde. Danke dafür und auch Danke an die Gildebrüder der Eckernförder Bürgerschützengilde, die ich zeitweilig mit Fragen löchern durfte.


erfasst 26.05.2010